Intro
Aus Interesse an neuen Lernformen und der Möglichkeit hybrider digital-analoger Modelle bin ich im letzten Jahr auf das Konzept des Blended Learning in all seinen Facetten gestossen und beschäftige mich seither intensiv mit diesem Thema. Blended Learning und der digitale Wandel sind bereits seit einiger Zeit ein wichtiges Thema an Kantonsschulen und Volksschulen, nicht zuletzt durch den Lehrplan 21.
Mittlerweile gibt es zahlreiche Cloudumgebungen zur Integration von Blended Learning in sogenannte Learning Management Systems (LMS). Diese Systeme lassen sich je nach Bedarf, Interesse und digitalem Wissensstand unterschiedlich tief in den Unterricht einbinden. Die Möglichkeiten solcher LMS reichen von der Bereitstellung von Videos und Noten bis hin zu einem zeitgemässen, interaktiven Unterricht mit Quizzen, interaktiven Übungen, Belohnungssystemen und Streak-Counts.
Bei meinen Recherchen habe ich festgestellt, dass es für den Instrumentalunterricht praktisch keine verfügbaren Artikel zu diesem Thema im Netz gibt. Deshalb habe ich mir zum Ziel gesetzt, mich mit konkreten Möglichkeiten und Pilotprojekten für meinen Klassen und einen Teil meines Instrumentalunterrichts im Schuljahr 25/26 gezielt auseinanderzusetzen. Mein Fokus liegt dabei insbesondere auf dem Konzept des Flipped Classroom Modells als Teilbereich des Blended Learnings, auf das ich im folgenden Abschnitt näher eingehen möchte.
Was ist Blended Learning?
Blended Learning ist eine hybride Lehr- und Lernform, die traditionelle Präsenzveranstaltungen mit digitalen Lernformaten kombiniert. Dabei werden synchrone Lerneinheiten (Face-to-Face-Unterricht) mit asynchronenVorbereitungsphasen (z.B. Videoaufzeichnungen, Quiz, Online-Lernspiele) verbunden.
Das Ziel ist es, die Vorzüge beider Ansätze zu nutzen, um ein effektives und flexibles Lernerlebnis zu schaffen. Es gibt verschiedene Modelle innerhalb des Blended Learnings, wie dem folgenden Screenshot zu entnehmen ist. Besonders hervorheben möchte ich das Flipped Classroom Modell, da ich denke, dass sich dieses Modell für den Instrumentalunterricht sowie für Kurse in Klassen schnell und praxisnah umsetzen lässt.
Blended Learning anhand des Flipped Classroom Modells
Das Flipped Classroom Modell bedeutet übersetzt "umgedrehter Unterricht". Im Kern geht es darum, dass sich die SuS vor der eigentlichen Präsenzstunde durch z.B. vorab bereitgestellte Videoaufzeichnungen auf ein neues Thema vorbereiten. Der synchrone Unterricht vor Ort dient dann vor allem dazu, Fragen zu klären und das Gelernte durch kreative Übungen zu vertiefen und weiterzuentwickeln.
Der Flipped Classroom Ansatz lässt sich gezielt durch die Einbindung von Apps oder weiteren Aufgaben wie Quizzes, Gamification-Elementen oder SuSvideos ergänzen.
Für meinen eigenen Klassen- und Instrumentalunterricht schweben mir z.B. wöchentliche Challenges für die SuS vor:
Quizzes zur Theorie, die vor der nächsten Präsenzstunde absolviert werden.
Übungen mithilfe von Apps, die in Echtzeit das Geübte bewerten können.
Videoaufnahmen, die die SuS von sich selbst machen und zunächst eigenständig reflektieren, bevor sie gemeinsam besprochen werden.
Selbstbestimmte Themenwahl: Die SuS können in einem geminsam definierten Rahmne selbst entscheiden, welche Inhalte sie vertiefen möchten. Dies kann in Zusammenarbeit mit der Lehrkraft über eine LMS-Plattform festgelegt werden.
Die oben genannten Beispiele verfolgen bewusst einen lernerzentrierten Ansatz:
Aktive Beteiligung
Selbstbestimmtes Lernen im eigenen Tempo zu jeder Zeit
Selbstreflexion und Eigenverantwortung
Feedback und gemeinsames Besprechen
Und werden durch lehrerspezifischen Elemente angereichert:
Videoaufzeichnungen des Lehrers
Interaktive Präsentationen
Digitale Arbeitsblätter zu einem Thema
Benefits des Flipped Classroom Modells:
Selbstgesteuertes Lernen
Die Lernvideos stehen rund um die Uhr zur Verfügung, was den SuS ermöglicht, das Übungsmaterial im eigenen Tempo zu erarbeiten.
Individuelle Schwerpunkte
Die SuS können die Themen bzw. die Reihenfolge des zu erlernenden Materials bis zu einem gewissen Punkt selbst bestimmen mitbestimmen.
Lernen nach eigenem Zeitplan
Die SuS können nach ihrem persönlichen Zeitplan lernen und die Unterrichtseinheiten flexibel einteilen. Dabei spielt die Einbindung durch die Eltern bei jüngeren SuS eine wichtige Rolle.
Selbstreflexion durch Videoaufnahmen
Die SuS nehmen ihre Fortschritte auf und reflektieren ihre eigene Leistung, was die Selbstanalyse und das kritische Denken fördert.
Effiziente Nutzung der Unterrichtszeit
Theoretische oder technische Inhalte werden zu Hause gelernt. In der Präsenzphase wird das Gelernte verfeinert und vertieft.
Gezielte Unterstützung
Die Lehrkraft kann in der Präsenzphase gezielt an Schwächen arbeiten und individuelles Feedback geben.
Förderung von Eigenverantwortung und Selbstorganisation
Die SuS lernen, selbst Verantwortung für ihren Lernfortschritt zu übernehmen. Darüber hinaus unterstützen Quizzes und Selbstreflexion die individuelle Lernkontrolle.
Herausforderungen:
Technische Anforderungen:
Die SuS und Lehrkräfte benötigen eine stabile, schnelle Internetverbindung und geeignete Endgeräte.
Lehrkräfte müssen sich mit LMS-Plattformen und Apps vertraut machen und grundlegende Kenntnisse in Video- und Audiobearbeitung erarbeiten,w as mit einem grossen Zeitaufwand verbunden ist.
Um Audio- und Videoproduktion im Unterricht zu erleichtern, sollte die Schule ab einem gewissen Punkt geeignete Infrastrukturen bereitstellen, was mit organisatorischem und finanziellem Aufwand verbunden ist.
Motivation:
Eigenverantwortung fördern: Nicht alle SuS haben die Selbstdisziplin, eigenständig zu üben und Videos anzuschauen.
Motivationsverlust: Ohne direkte Anleitung kann die Motivation sinken. Hier können spielerische Elemente wie Gamification und Belohnungssysteme helfen.
Balance zwischen Präsenz und Online-Phasen:
Überforderung durch Selbstständigkeit: Einige SuS könnten sich durch die hohe Eigenverantwortung überfordert fühlen.
Qualität der Lernmaterialien:
Die Erstellung hochwertiger Lernvideos und -materialien ist zeitaufwendig.
Inhalte müssen verständlich, praxisnah und didaktisch sinnvoll aufbereitet sein.
Fazit:
Blended Learning und das Flipped Classroom Modell bieten eine Vielzahl an Möglichkeiten, um den Instrumentalunterricht zukunftsweisend und motivierend zu gestalten. Sie fördern die Selbstständigkeit, EigenverantwortungundKreativität der SuS und ermöglichen eine effiziente Nutzung der Unterrichtszeit.
Die grösste Herausforderung besteht darin, eine Balance zwischen technischen Anforderungen, Eigenverantwortung und persönlicher Betreuung zu finden. Ich denke aber, dass mit der richtigen Mischung aus lernzentrierten Aufgaben und gezielter Lehrerunterstützung kann das Modell jedoch einen grossen Mehrwert im modernen Musikunterricht bieten.
Musikalische Grüsse
Michel Barengo

